Die Schlacht bei Dinklar

Die Hildesheimer Gemeinheit beteiligte sich als Teil des historischen, bürgerlichen Aufgebots an den Feierlichkeiten zum Jubiläum.
Das Lager sowie die Nachstellung des Überfalls sind am Wochenende des 1. bis 3. September 2017 in Dinklar (Schellerten) zu bestaunen! Wir stellen sowohl im Rahmen des Tagesprogramms Lagerleben um 1367 dar, als auch die Milizen, die im Morgengrauen des 3. September 1367 am Überfall beteiligt waren.
Es folgt für die Interessierten ein Abriss über die Geschichte der Schlacht:

Was führte zur Schlacht bei Dinklar?

Die Welfen erlitten in der Vergangenheit durch Richtersprüche und kriegerische Auseinandersetzungen mit den Hildesheimer Bischöfen erhebliche Gebietsverluste. Weswegen Herzog Magnus nun bemüht war, durch eine kalkulierte Machtpolitik, sich der Verlustig gegangenen Gebieten wieder zu bemächtigen. Ebenso stand der Vorwurf seitens des Braunschweiger Herzog im Raum, dass der Hildesheimer Bischof nichts gegen die Raubzüge seiner ihm unterstehenden Stiftsritter, an den Grenzen des Bistums, unternahm, die weit in Braunschweiger Gebiet führten und viel Schaden anrichteten. Die Braunschweiger gingen verhältnismäßig unbekümmert und nicht sehr zielgerichtet vor, sie provozierten die Hildesheimer durch Plünderungen und Verwüstungen des östlichen Hildesheimer Gebietes, bevor sie das Lager bei Dinklar bezogen. Der Bischof von Hildesheim hatte nur wenige Verbündete, schien unvorbereitet. Die meisten seiner Vasallen standen auch in der Lehensschaft der Welfen. So war wohl nur ein Verwüstungszug zur Vernichtung der Stiftsgüter und die Demütigung des Bischofs von Hildesheim die eigentliche Absicht. Ihn empfindlich zu schädigen war das Ziel. Die Hildesheimer waren durch ihr klerikales Informationsnetz bestens informiert über die Vorgänge. Durch das riesige Heer der beutegierigen Braunschweiger muss sich jeder Hildesheimer Stiftszugehörige bedroht gefühlt haben. Dem Stadtgesetz bei Kriegsgefahr entsprechend tagte der Rat der Stadt in einem Turm. Die erfahrenen Stiftsritter schätzten die Lage ein und trugen ihren Plan der Bürgervertretung vor. Einige Domherren hatten in Paris, Avignon und Montpellier studiert und mit Sicherheit Kenntnisse über die Schlachten von Kortrijk, Bannokburn, Laupen, Crecy und Poitiers und deren Ausgang, dort siegten Fußvolk und Schützen über die Berittenen. Alle Überlieferungen berichten von einer ruhigen Vorbereitung in der Stadt. Die Zeit reichte aus, um alle Gewappneten selbst von Dassel, Lutter, Winzenburg, Wohldenberg, Wohldenstein und Liebenburg aus in Marsch zu setzen. Es blieb Zeit, die Bürger genau auf ihren Einsatz hin zu instruieren, sie mit ritterlichen Führern vertraut zu machen, an die sie sich halten sollten. Die Moral wurde durch Weihe, Hochmesse, Marienanrufung, Reliquienprozession, Predigt und Sündenvergebung aufgebaut.

Wie lief die Schlacht ab?

Mit ruhiger Zuversicht bestiegen die Hildesheimer nachts die Streitwagen. Ohne Glockengeläut holperten etwa 30 Kriegswagen, gezogen von jeweils vier Pferden, besetzt mit je 20 gerüsteten, kräftigen Bürgern, westwärts. Voran ritt der Bischof mit den Domherren, deren Pagen und Schützen. Im Feld vor den Zäunen wurden die Feuer der lagernden Stiftsritter gelöscht, deren Reiter in Kolonnen schon zum Üppener Pass abrückten. Ältere Jahrgänge bezogen Wache auf Mauer und Toren. Bis nach Wendhausen und Ottbergen kam der Zug ohne gesichtet zu werden. Über der feuchten Niederung schwebten Morgennebel. Selbst wenn die Kolonne der Streitwagen zwischen Wendhausen und Ottbergen erkannt worden wäre, blieb den Lagernden nur wenig Zeit sich zu rüsten. Bis dahin waren die Stiftsreiter an Farmsen vorbei und standen auf dem Windmühlenfeld, die Fluchtrichtung flankierend, ehe auch nur zwei Dutzend Schnellentschlossene aus dem verbarrikadierten Lager entflohen. In den urkundlichen Ersterwähnungen nennt sich die Schlacht nach Farmsen und nicht nach Dinklar. Daraus folgt, dass der Kampf bei Farmsen an der östlichen Hauptlagerpforte begann. Die Stelle wird heute noch als „Streitmorgen“ in der Flurkarte verzeichnet.

Welche Bedeutung hatte die Schlacht für das Hildesheimer Land?

Sie war wohl eine der bedeutendsten Schlachten des Mittelalters im norddeutschen Raum. Unverständlich ist, dass darüber so wenig berichtet wurde und bis heute veröffentlicht ist. Eine Niederlage an diesem 3. September des Jahres 1367 hätte für das Bistum Hildesheim schwerwiegende Folgen gehabt, vielleicht sogar das Ende des Hochstifts bedeutet. Die geografische Lage des Bistums und seine Struktur waren äußerst labil. Eingekeilt zwischen den welfischen Herzogtümern, Braunschweig im Osten, Kahlenberg im Westen und Grubenhagen im Süden, die stets bemüht waren die alten Grenzen, die noch zu Heinrich de Löwen Zeiten existierten, wieder herzustellen und einer auf ihren Vorteil bedachten Landesritterschaft, war das Bistum keineswegs in sich gefestigt. Zwar hatte es im Süden in den Grafen von Wohldenberg einen verlässlichen Verbündeten, – die Grafen stellten häufig Domherren und stärkten das Bistum durch umfangreiche Schenkungen -, aber von militärischer Bedeutung konnte keine Rede sein. Die eigenen Festen Liebenburg bei Salzgitter, Marienburg an der Innerste, Lauenstein im Iht und Poppenburg bei Burgstemmen, mussten meist aus Geldmangel verpfändet werden. Die Ritterschaft setzte sich vornehmlich aus weitgehend autonomen Kleinadligen zusammen mit eigenem Grundbesitz. Fast jeder Ort beheimatete einen Ritterhof, einige hatten es zu beträchtlichen Einfluss und Vermögen gebracht. Die Familien von Steinberg, Rautenberg, Escherde, Oberg, Wallmoden, von Bock und Schwichelt waren durch wechselnde Lehensnahmen mal den Braunschweigern und mal dem Bistum oder beiden gleichermaßen zur Heeresfolge verpflichtet. Die Ritterfailien von Rössing und Rautenberg waren dem Bistum durch Domherrenplätze zwar verpflichtet, vertraten aber in erster Linie eigene Interessen. Die kleinen Grafschaften Hallermund und Spiegelberg hingegen hatten guten Grund mit dem Bistum verbündet zu sein. Ihre Eigenständigkeit war ebenso bedroht, wie das Bistum selbst. Der Kahlenberger erhob Ansprüche auf den festen Ort Kobenbrücke, obwohl keinerlei Rechtsanspruch bestand. Die Zolleinnahmen aus dem verkehrsgünstig gelegenen Ort Kobenbrücke liegt Eingangs des Iht an der Straße zwischen Hildesheim und Hameln und brachte durch Zollerhebungen den Grafen von Spiegelberg beträchtliche Einnahmen. Außerdem stachen die wildreichen Höhen, die zu der kleinen Grafschaft gehörten, dem Kahlenberger in die Nase. So taten die Spiegelberger Grafen gut daran, sich in dem nahe gelegene Hochstift einen starken und verlässlichen Verbündeten zu versichern. Die Ansammlung eines so großen Heeres, – die Verbündeten hatten mehr als 2000 Helme aufgeboten, mit Tross und Anhang gut noch ml so viel -, waren für das Mittelalter in Norddeutschland ungewöhnlich und musste auch für die Stadt Hildesheim eine direkte Bedrohung darstellen. Daher wohl auch der Schulterschluss der Hildesheimer Bürgerschaft mit ihrem Bischof. Die Stadt war durchaus kein braves Kind, in der Vergangenheit hat es herbe Auseinandersetzungen mit dem Oberhirten gegeben, zwei Vorgänger Gerhards mussten bei Nacht und Nebel fluchtartig die Stadt verlassen, um nicht von den aufgebrachten Bürgern verprügelt zu werden, wenn nicht noch Schlimmeres. Die Stadt war sehr auf ihre Eigenständigkeit bedacht und nicht geneigt, sich unter den Krummstab zu beugen. Es bedurfte schon einer massiven Bedrohung von außen, um die Hildesheimer Bürger zu überzeugen, dass ein erheblich höheres militärisches Engagement erforderlich war, als für die reine Verteidigung der Stadtmauern notwendig. Dass es dem Bischof gelang, das Gros seiner eigenwilligen Ritterschaft zu mobilisieren, an deren Starrköpfigkeit und Rauflust sein Vorgänger nach nur einem Jahr Amtszeit scheiterte und das Handtuch warf und um seine Entlassung bat, weil er mit “den Gepflogenheiten“ des Landes nicht zurecht kam, ist wohl seiner Persönlichkeit zuzuschreiben. Bischof Gerhard muss eine besondere Ausstrahlung gehabt haben, dass er mit diesem eigenwilligen, aus alten sächsischen Bauernadel hervorgegangen Landjunkern zurechtkam. Der Sieg bei Dinklar hat sicherlich seine Stellung in der Stadt gefestigt. Nach dem Sieg mit den Unterlegenen machte er einen billigen Frieden und gab die Gefangenen für ein verhältnismäßig kleines Geld frei. Das sicherte ihm einen längeren Frieden, der ihm die Möglichkeit gab, die inneren Belange des Bistums zu ordnen. Gerhard von Berg war einer der wenigen Bischöfe von Hildesheim dem es gelang, die Grenzen des Bistums zu festigen. Ein wesentlicher Schritt dazu war die Errichtung der Burg Steinbrück am Ufer der Fuhse und einer steinernen Brücke über den Fluß (finanziert durch Lösegelder), die der Burg den Namen gab. Ferner erfüllte er einen von allen Seiten gefordeten Wunsch, – die Zerstörung der Raubnester Bodenburg und Wallmoden. Mit dieser Maßnahme machte er allen denjenigen klar, dass er nicht gewillt war Freibriefe an Teilnehmer an der Schlacht zu verteilen, seien ihre Verdienste an dem Ausgang der Schlacht auch hoch. Mit strengen Maßnahmen gegenüber räuberischen Adligen schaffte er es, die Übergriffe in Grenzen zu halten.

Autor: Ulf Hanebuth

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